Geld und Geist

Was macht das Geld mit dem Geist? Und umgekehrt?

Auf dem cheesmeyer-Areal bekämpfen sich zwei Familien bis aufs Blut. Eine Familienidylle im behäbigen Emmental zerfällt in tausend Einzelteile, Kinder leiden unter dem Streit ihrer ach so gläubigen Eltern. Ein gewalttätiger Vater treibt aus Eigennutz seine Tochter in eine Zwangsehe mit einem Spekulanten und sabbernden Halunken. Selbst die Jugend vermag sich der zerstörerischen Kraft des patriarchalen Systems nicht zu entziehen Das Geld beherrscht den Geist. Bei Gotthelf können wir mit- erleben, wie Krisen entstehen. Gotthelf belässt es nicht bei der messerschar- fen Analyse der Machtspiele innerhalb dieser grossbäuerlichen Adelsschicht. Gier, Missgunst, Intrige, Eigennutz lässt er nicht nach Belieben schalten und walten. Welcher Geist hilft?

Termine
August 2024
Vorstellungen: Fr 23.8. / Sa 24.8. / So 25.8. / Fr 30.8. / Sa 31.8. / So 1.9. um 19:30

Tickets
Eintritt: CHF 40.00
Reduziert (Auszubildende/Kulturlegi): CHF 20.00
Vorverkauf online unter eventfrog.ch, im cheesmeyer Sissach und in allen Filialen der Post
Abendkasse ab 18:30

Beteiligte

REGIE Kaspar Geiger
PRODUKTIONSLEITUNG Andreas Daniel Müller
MUSIKALISCHE LEITUNG David Lichtsteiner
TECHNISCHE LEITUNG Jan Gubser
REGIE- UND PRODUKTIONSASSISTENZ Jan Tex Mumenthaler

BÜHNE Thomas Giger und Holzwege Zimmerei
KOSTÜME Karin Christen
MASKE Flurina Zwygart
GRAFIK 1kilo.org

SCHAUSPIELENSEMBLE
Jade Costello, Sophie Eglin, Marlies Fischer, Jeannette Keller, Lorenz Killer, Andreas Daniel Müller, Jan Tex Mumenthaler, Brigitte Schweizer, Anna Sonnenschein, Peter Zimmermann

AKKORDEON Dejan Škundrić

Wollen Sie wissen, was das Geld mit dem Geist macht?

Dann führen Sie sich Jeremias Gotthelfs Roman Geld und Geist zu Gemüte oder noch besser: Kommen Sie zu uns nach Sissach! Auf dem Cheesmeyer-Areal, zwischen Alter Metzg und Schlauch, bekämpfen sich zwei Familien bis aufs Blut. Erleben Sie mit, wie eine Familienidylle im behäbigen Emmental in tausend Teile zerfällt, wie Kinder unter dem Streit und dem Zerwürfnis ihrer ach so gutgläubigen und gutmeinenden Eltern leiden. Werden Sie Zeug:innen, wie ein raffgieriger Vater seine Tochter in eine Zwangsehe zu schicken versucht. Lernen Sie einen spekulierenden alten Heiratsschwindler kennen und staunen Sie darüber, dass selbst die Jugend sich der zerstörerischen Kraft des patriarchalen Systems kaum zu entziehen vermag. Das Geld beherrscht den Geist.

Oder lieber, was der Geist mit dem Geld macht?

Keine Sorge: Gotthelf belässt es nicht bei der messerscharfen Analyse der Machtspiele innerhalb dieser grossbäuerlichen Adels- schicht. Gier, Missgunst, Intrige, Eigennutz lässt er nicht nach Belieben schalten und walten. Es gibt einen Geist, der in den Figuren knapp vor dem totalen Kollaps wieder Einzug hält. Die Kirche in ihrer dominanten Stellung innerhalb der damaligen Dorfgemeinschaft hat keinen Einfluss, solange die Werte, die sie verkündet, nicht in den Menschen lebt. Die Voraussetzung, dass der Pfingstgeist die Menschen erreicht, basiert auf der Fähigkeit, die bei den anderen Menschen vermissten moralischen Werte bei sich selber zu suchen und sich einzugestehen, dass das eigene Verhalten zu überprüfen und in Frage zu stellen ist. Beim genauen Hinschauen ist es nicht überraschend, dass die Frauen in der Gotthelfschen Welt eher zu Demut und Selbstreflexion fähig sind als die Männer. Patriarchale und matriarchale Prinzipen stehen im Widerstreit miteinander. Bei Gotthelf sind es die Frauenfiguren, allen voran die beiden Bäuerinnen, die ein friedliches Ende der Geschichte möglich machen. Und die Söhne, denen das Wohlergehen der Mütter ihr höchstes Ziel ist, steuern das Ihre zum harmonischen Ausklang der Geschichte bei. Kräfte des Geistes widersetzen sich dem Diktat der Gier nach Geld. Ein einziger Windstoss genügt, um diesen Kampf erneut zu entfachen.

Selbstentfremdung als Folge ausgeprägter Rollenmuster

Am auffälligsten und für unsere heutige Rezeption doch eher befremdlich ist die Art und Weise, wie die Geschlechterrollen gezeichnet werden. Die Geschichte führt uns vor Augen, in was für beengende Muster Männer und Frauen eingesperrt waren. Stereotype Rollenbilder führen zu stereotypen Verhaltensweisen, die bei allen Figuren ein hohes Mass an Selbstentfremdung mit sich bringen.

Die meisten handelnden Personen scheinen unter dieser Selbstentfremdung zu leiden und kämpfen dagegen an. Dass die Frauenfiguren viel mehr für ihre Eigenständigkeit eintreten, hängt wohl auch damit zusammen, dass die Unterdrückung massiver ist oder – dies ein anderer Erklärungsansatz –, dass Frauen dem im Titel erwähnten «Geist» näherstehen als die Männer. Die Fähigkeit zur Versöhnung und zur Vermittlung gehört mit zum Rollen- muster, das Gotthelf in seiner Geschichte in seinen Frauenfiguren erzählt.

Unser durch die heutige Genderdiskussion geschärfte Blick lässt unschwer erkennen, dass die Zwangsjacken, in denen die Männer stecken, nicht minder einschränkend und unterdrückend sind. Die Männerfiguren zappeln noch mehr in ihren Rollenkorsetts als die Frauen, auch wenn sie innerhalb der Familie über mehr Macht verfügen. Der Drang nach unverfälschtem Leben ist bei den Frauenfiguren viel ausgeprägter als bei Vätern und Söhnen.

Differenzierte Figurenzeichnung trotz aller Normierungen

Die Muster in dieser Geschichte sind vielfältiger, als es auf den ersten Blick den Anschein macht. Während die eine Tochter von ihrem Vater, dem Dorngrütbauern, wie ein Stück Vieh möglichst gewinnbringend auf dem Heiratsmarkt feilgeboten wird, ist es der Tochter des anderen Bauern vom stattlichen Liebiwylerhof freigestellt, ob sie heiraten möchte oder nicht. Auch ein Blick auf die Männerfiguren macht deutlich: vom einen Sohn wird erwartet, dass er heiratet, um die anstehende Übergabe des Hofes zu ermöglichen, während der ältere Bruder, kränklich wie er ist, grösseren Spielraum geniesst. Die beiden Bauernväter interpretieren ihre Rollen als Familienoberhäupter ebenfalls unterschiedlich. Dem einen, dem Dorngrüterbauern, ist Mammon das höchste Gut, dem er alles unterordnet, während sein Kontrahent, mit Vornamen Christen, einen Weg aus seinem Groll und aus der Verletzung seines männlichen Stolzes sucht.

Diversität auch im Umgang mit der Sprache

Diversität ist auch im Umgang mit der Sprache angesagt. Die szenische Vorlage von Rafael Sanchez wechselt zwischen Berndeutsch und der originalen Sprache des Romans. Wir gehen noch einen Schritt weiter und vermischen Berndeutsch, Hochdeutsch noch mit anderen Schweizerdeutschen Dialekten. Die alte Generation spricht in der Regel das alte Berndeutsch, während die jungen Darsteller:innen sich ihrer eigenen Idiome bedienen.

Beteiligte

Die ganze Geschichte spielt das zehnköpfige Schauspiel-Ensemble als Freilichtaufführung im Hof des Cheesmeyer-Areals, mitten im Herzen von Sissach, direkt neben dem Bahnhof. Professionelle Schauspieler:innen, Schauspielstudierende und versierte Lai:innen bilden eine diverse Truppe.

Und alles mit Feuer und Flamme.
An dieser Geschichte verbrennen wir uns die Finger.