Ver-Ding

Nachdem die Theater Nachdem die Theatercompany «Texte und Töne» im Jahre 2016 einen Theaterabend über Bruno Manser «Kunst der Bedürfnislosigkeit» realisiert hat, starten wir erneut eine szenische Recherche, diesmal zum Thema Verdingkinder in der Schweiz. Eine Schauspielerin, zwei Schauspieler und eine Musikerin erzählen die Geschichte von Paul Richener und Hanspeter Bobst-zweier ehemaliger Verdingkinder- und leihen ihre Stimme der 17-jährigen Zahra Hassani, einer afghanischen Asylsuchenden. Von allen Beteiligten gibt es Gespräche, die in die Darstellung ihrer Geschichten einfliessen. Mit dem Blick zurück in die eigene Kindheit sind-wie von selbst- immer auch eigene Erinnerungsbilder aufgerufen. Zahra Hassani blickt als junge Lyrikerin mit selten klarem Blick auf ihr eigenes Leben und auf ihre neue Umgebung, in der sie sich heute  zurechtfinden muss. Nachdem sie ihre Kindheit in Afghanistan verbracht hat, flüchtete sie mit ihrer Familie in den Iran und lebt seit dreieinhalb Jahren im Tessin.

 Die zwei kürzlich erschienenen Biographien von zwei Verdingkindern aus der Region Basel bilden die Grundlage für das Theaterprojekt «Ver-Ding». Das eine Buch trägt den Titel «Aus dir wird nie etwas! Paul Richener- vom Verdingbub zum Gemeindepräsidenten» und «Mich kann man mitnehmen» Ein Verdingkind erzählt- von Hanspeter Bobst.Beide Betroffene haben sich nach jahrelangem Schweigen dazu entschlossen, die Spuren ihrer Lebensgeschichte zurückzuverfolgen und zu dokumentieren. Es ist ihnen ein Anliegen, dass
ihre Geschichte weitererzählt wird. Diesem Wunsch kommen wir nach. Den beiden Männergeschichten stellen wir die gegenwärtige Situation der 17-jährigen, afghanischen Zahra Hassani gegenüber. Ihrer kulturellen und soziale Entwurzelung begegnet sie mit dem Entwurf eigener Zukunftsbilder und Gedichte. Sie tritt auf als eine junge Stimme in der Schweiz, die auch etwas zu erzählen hat – mit anderen Mitteln und aus einem anderen Impuls heraus. Im Unterschied zu den älteren Männern interessiert sie dabei weniger der Blick zurück als das Jetzt.

Es wird zunächst einfach darum gehen, die vielen Stationen aufzulisten, in denen die beiden Jungen Paul Richener und Hanspeter Bobst hineingetrieben wurden. Die Willkür der Behörden zeigt sich in amtlichen Berichten oder Einträgen in ein Arbeitsjournal. Diese Texte spielen eine zentrale Rolle. Die betroffenen Kinder werden nie in Entscheidungen einbezogen. Alles wurde über deren Köpfe hinweg entschieden. Die Art und Weise, wie die beiden Jungen von einem Ort zum anderen herumgereicht wurden, hinterliess bei beiden Spuren. Drei Motive fallen besonders auf: Bei beiden entwickelt sich ein unbändiger Hunger nach Liebe und Anerkennung. Vergeblich. Liebe und Anerkennung lassen sich nicht erzwingen, da können sich die Kinder noch so Mühe geben. Ein zweites Motiv ist der Eindruck, von allen Menschen- vor allem von den eigenen Angehörigen- vollkommen vergessen worden zu sein; grenzenlose Verlassenheit ist die Folge davon. Und schliesslich die paradoxe Reaktion: Es meldet sich Heimweh nach einem Zuhause, das es nicht gibt.

KONZEPT & REGIE: Kaspar Geiger
STÜCKFASSUNG: Hanif Idris
DRAMATURGIE: Miriam Coretta Schulte
BÜHNE, LICHT: Thomas Giger
KOSTÜME: Ladina Bosshard
PRODUKTIONSLEITUNG: Andreas Daniel Müller
GRAFIK: Manuel Castellote
VIDEO: Seline Durrer & Danielle Küchler Flores
DOKUMENTATION & BERATUNG: Werner Baumann
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MUSIK: Yumi Ito
SOUNDDESIGN: Jan Gubser
SCHAUSPIEL: Julia Sewing, Gerrit Neuhaus, Andreas Daniel Müller

Termine

31. Oktober – 3. November 2019, Domaine Nussbaumer, Aesch
7.-10. November 2019 Waisenhaus, Basel-Stadt
14. – 17. November 2019 Ebenrain, Sissach
21. – 24. November 2019 Wenkenhof, Riehen

Frühjahr 2020:  Gastspieltournee im Schul- & Berufsbildungsheim Albisbrunn, Sonderpädagogisches Zentrum Bachtelen Grenchen, Zentrum Erlenhof Reinach, Stiftung Albisbrunn u.a.